Letzte Wetterbesprechung im meteorologischen Herbst 2018

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    • #13102
      Heiko
      Moderator

      Hallo zusammen,

      kurz vor dem ersten Advent ist es an mir, ein paar Zeilen zum Wetter zu schreiben.

      Exkurs: Der November ist, betrachtet man die – mir bis zum 29.11. vorliegenden – Daten bei Bernd Hussing (http://www.bernd-hussing.de/klima.htm), bisher im deutschlandweiten Mittel gut 1,4 K zu mild, mit 29,1% des Niederschlagssolls viel zu trocken (die Tomaten und Melonen im Rhein (nicht am Rhein, und schon gar nicht im Gewächshaus!) profitieren; vgl. https://www.zdf.de/nachrichten/heute/folgen-von-niedrigwasser-tomaten-und-wassermelonen-im-rhein-100.html) und mit knapp 140% der Sonnenscheinsumme bezogen auf das langjährige Mittel (1961 bis 1990) überdurchschnittlich sonnig.

      Der Blick auf die Bodendruckanalyse von DWD und BWK aus der Nacht zu heute zeigt zum einen ein über 1045 hPa starkes Hochdruckgebiet namens DOMINIK (auf dessen “Wetterexperten”-Namensvetter, der vor eineinhalb Wochen angab, dass es im Winter “gefühlt doch schon rescht wintälisch wäden” könnte, möchte ich mal nicht näher eingehen) mit Zentrum über der Ukraine und Russland. Zum anderen tummeln sich zwei Tiefdruckgebiete im Norden bzw. nördlich der Britischen Inseln, und zwar der Wirbel HALKA mit unter 955 hPa bei den Äußeren Hebriden, und nordöstlich der Shetland-Inseln das Tief IRENE mit unter 970 hPa. Von letzterem Druckgebilde zog und zieht sich eine teils leicht verwellte Luftmassengrenze über einige Tausend Kilometer, die über Mitteleuropa als Okklusionsfront analysiert wurde, bis hinaus auf den Atlantik südlich der Azoren und westlich der Kanaren.

       

      Auf dem Satellitenbild von heute Mittag ist gut zu sehen, wie die zur Okklusion gehörenden Wolken große Teile Mitteleuropas und somit unserer Turnierländer und -orte überdecken.

       

      Während heute Mittag im Südosten Deutschlands gebietsweise leichter Frost herrscht, melden diverse Wetterstationen aus Nordrhein-Westfalen und dem westlichen Niedersachsen zweistellige Temperaturwerte. Der mit der Front verbundene Niederschlag bringt auf seiner kalten Vorderseite mancherorts Probleme in Form von gefrierendem Regen; in den höheren Lagen der Mittelgebirge, wie im oberen Erzgebirge, fällt Schnee. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es im Osten Deutschlands durch den lebhaften Wind gefühlt noch um einiges kälter ist. Unsere Wiener (dort mittags stark bewölkt, leichter Frost), Innsbrucker und Zürcher (jeweils 7/8, allerdings milder bei 5°C) – selbstverständlich auch die (sich bei bedecktem Himmel und 3°C auf das Wetterturnier vorbereitenden) Leipziger – Mitspieler sind wie immer herzlich dazu eingeladen, Ergänzungen aus ihren Regionen beizutragen!

      Springen wir auf 500 hPa, sehen wir für Mitteleuropa einerseits (korrespondierend zum tiefen Luftdruck am Boden) einen Trog über Nordwesteuropa, auf dessen Vorderseite sich Deutschland befindet. Am südöstlichen Bildrand sticht die tiefblaue Farbe eines über dem rumänisch-moldawisch-ukrainischen Raum liegenden Kaltlufttropfens (schöne Grüße nach Lindenberg, das von Berlin aus gesehen ja “ungefähr” in dieser Richtung liegt) hervor. Fehlen zwei mehr oder weniger zarte Zungen höheren Geopotentials über dem Baltikum und von Norditalien bis nach Tschechien. Wer also in etwa 5,5 km Höhe maximal zwischen den Stühlen sitzt, ist das westliche Polen.

       

      Die Karte der pseudopotentiellen Temperatur zeigt, wie sich die mildere Luft mit der Okklusion in den kalten Osten schiebt und liefert nebenbei eine Erklärung für das recht windige Wetter im Osten Deutschlands und den angrenzenden Regionen (vom Hochwald im Zittauer Gebirge wurden heute Mittag Sturmböen und von der Schneekoppe schwere Sturmböen gemeldet).

       

      Für morgen Mittag steht ein neues Tiefdruckgebiet, JADWIGA mit unter 995 hPa über der Irischen See, auf dem Programm von DWD und BWK, das sich in der Nacht zu morgen über dem Altantik bildet und das mit dem Jetstream eben rasch ins europäische Blickfeld zieht. Das Tief HALKA ist nicht mehr zu sehen; dafür soll sich IRENE in zwei Teiltiefs aufspalten, nämlich IRENE I über dem Europäischen Nordmeer (unter 970 hPa) und IRENE II über der Barentssee (unter 1005 hPa). “Funfact” am Rande: Wie ich gerade gesehen habe, soll es laut Wikipedia in den Orten der Umgebung noch Dorfsowjets geben – Zitat aus dem Artikel zur Insel Kolgujew: “Das einzige Dorf der Insel und Sitz des Kolgujewski-Dorfsowjets ist Bugrino an der Südküste mit 446 Einwohnern, davon 416 (93 %) Nenzen.” (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kolgujew). Hoch DOMINIK hält seine gut 1045 hPa, rückt aber an den äußersten östlichen Rand des Kartenausschnitts im Bereich des südlichen Ural. Die Okklusion von IRENE II hat weite Teile Mitteleuropas überquert; einzig Wien liegt von unseren Turnierstädten noch in relativer Nähe dazu, während sie beispielsweise von Berlin schon einige Hunderte Kilometer entfernt sein soll. Die Okklusion des Tiefs JADWIGA reicht bis zum Okklusionspunkt an der Küste der Normandie, von wo aus die Warmfront bis zur Biskaya reicht. Die nachfolgende Kaltfront geht über der Keltischen See in die Warmfront eines (noch) unbenannten Tiefs mitten auf dem Nordatlantik über – ja, es ist (wieder) Bewegung westlich Europas.

       

      Exemplarisch für viele bunte Karten, die man zur Entstehung des Tiefs JADWIGA zeigen könnte, habe ich die folgende Karte mit dem 850-hPa-Frontogeneseparameter -Qn ausgewählt.

       

      Auf der 850-hPa-Karte der pseudopotentiellen Temperatur sieht man die im Vergleich zum Vortag auf West gedrehte, moderate Höhenströmung – und auf der Bodendruckkarte als “Beifang” das angesprochene Tief JADWIGA sowie die vorderseitig kräftige südwestliche “Düse”.

       

      (Nicht nur) Berlin dümpelt morgen vor dem atlantischen Gewirbel anfangs im Rest der feuchten Schleppe der Okklusion von Teiltief IRENE II und es darf gerätselt werden, ob es zumindest beim Wv noch für etwas flüssiges (wohl nicht mehr gefrierendes) reicht, ob und wie ausgeprägt “interfrontal” einige Auflockerungen zu finden sind (die, auch wenn sie spärlich oder erst nach Sonnenuntergang auftreten sollten, das Quecksilber nicht daran hindern sollten, mal wieder in den oberen einstelligen Bereich zu steigen; Herrn Celsius, der übrigens am letzten Dienstag vor 317 Jahren in Uppsala Geburtstag hatte, hätte es gefreut), und wie hoch die Böen mit dem tagsüber (und in der Nacht zum Sonntag) nach Osten ziehenden, okkludierenden Frontensystem des Tiefs JADWIGA anzusetzen sind. In 925 hPa wird in der Nacht zum Sonntag das Maximum mit 8 Bft. über Berlin erwartet; die Frage ist, wieviel davon bis auf 10 m über dem Boden heruntergemischt wird.

       

      Das Tief, das in der Bodenprognose des DWD für Sonntagmittag zwischen Skagerrak und Kattegat eingezeichnet ist, von wo sich eine Okklusion über Südschweden zieht, die weiter südlich als Warmfront bis etwa ins österreichisch-slowenische Grenzgebiet verläuft, sollte den Rest von JADWIGA darstellen. Ein über der Deutschen Bucht liegendes Tief, dessen Okklusionsvorgang bereits recht weit fortgeschritten sein soll, lässt das Phrasenschwein frohlocken, denn man kann wieder einmal konstatieren, dass sich die Tiefs die berühmte Klinke in die Hand geben.

       

      Kaum ist der “alte” Niederschlag, der in Berlin in der Nacht zum Sonntag zumindest laut GFS in Form von Sprühregen aufkommen soll, vormittags wieder abgezogen (oder abgeklungen), zieht das “neue” Regengebiet von Westen heran.

       

      Gewissermaßen als “Trost” für den (falls nicht die Modelle / MOSse mit mehr Sonne recht haben) wolkenreichen 1. Advent kann man seine Spekulatius bei bis zu 10°C in Berlin genießen. Von signifikanten Böen will MOS (wie auch am Vortag) nichts wissen, wenngleich diese (die Böen) beim Blick auf die Höhenwindkarten, aber auch die Spitzenböenprognose, nicht völlig abwegig erscheinen.

       

      Zugbahn, Timing und Intensität des Tiefs (die entsprechenden Höhenkarten wähle jede/r selbst aus und vergleiche) werden einiges bei der Punkteverteilung mitzureden haben.

      Mitreden ist ein gutes Stichwort, denn ich bin fertig mit meiner Wetterbesprechung und freue mich auf Eure Ergänzungen! 🙂

      Vielen Dank, gutes Gelingen beim Tippen, einen schönen Ersten Advent und viele Grüße,
      Heiko.

      • This topic was modified 3 years, 7 months ago by Heiko.
    • #13104
      Heiko
      Moderator

      Kleine Korrektur.

      Als ich schrieb…

      “Auf der 850-hPa-Karte der pseudopotentiellen Temperatur sieht man die im Vergleich zum Vortag auf West gedrehte, moderate Höhenströmung – und auf der Bodendruckkarte als „Beifang“ das angesprochene Tief JADWIGA sowie die vorderseitig kräftige südwestliche „Düse“.”

      …und die 850er-Karte der pseudopotentiellen Temperatur eingefügt hatte, ist mir nicht aufgefallen, dass der erste Teil des Zitats sich auf die 500-hPa-Geopotentialkarte von Sonnabend Mittag bezog.

      Neu also unterhalb der Frontogeneseparameterkarte:

      Auf der 500-hPa-Karte des Geopotentials von Sonnabend Mittag sieht man die im Vergleich zum Vortag auf West gedrehte, moderate Höhenströmung.

       

      Und dann weiter…

      Dort und auf der 850-hPa-Karte der pseudopotentiellen Temperatur sind (auf der Bodendruckkarte als „Beifang“) das angesprochene Tief JADWIGA sowie die vorderseitig kräftige südwestliche „Düse“ zu sehen.

      …und darunter das bekannte Bild aus 850 hPa.

      Sorry für die Verwirrung – nur, falls jemand in der 850-hPa-Karte die westliche moderate Höhenströmung gesucht haben sollte. 🙂

      Viele Grüße,
      Heiko.

    • #13105
      Kaltlufttropfen
      Participant

      Vielen Dank für Deine klasse WB!

      Nöchste Woche bin ich wieder dabei…

    • #13106
      nik
      Participant

      Vielen Dank für die klasse WB! Leider bin ich erst jetzt dazu gekommen, sie durchzulesen!
      Im Norden und Osten Österreichs hält sich derzeit noch zäh die Kaltluft, während im Westen die Temperaturen zwischen 5 und 10 Grad liegen. Da die Abwechslung aus Süd- und Ostlagen im November in den Nordalpen Vorarlbergs und Tirols für extrem unterdurchschnittliche Niederschlagsmengen gesorgt hat, liegt derzeit in Wien sogar mehr Schnee als etwa in Warth am Arlberg (1.480 m). Ein Blick auf die Daten der Bergstationen und die Vertikalprofile zeigt allerdings, dass der Schatten des Atlantiks bereits über dem Osten Österreichs liegt.


      In Teilen des Donauraums in Österreich sowie im Nordosten des Landes kündigt sich dementsprechend in den nächsten Stunden neuerlich die Gefahr von gefrierendem Regen an (besonders in Teilen Oberösterreichs, wo es wie in Ostbayern und Südsachsen bereits am Freitagabend spiegelglatt war). Anbei noch zwei Bilder vom pulvrigen Schnee in Wien:

    • #13107
      Heiko
      Moderator

      Hallo und einen schönen Ersten Advent!

      Danke an Kaltlufttropfen für Deine Rückmeldung und an nik für Deine tolle Ergänzung aus dem Süd(ost)en incl. Grafiken und Bildern! Passt gut zum Dauerweihnachtsliedradioprogramm. 🙂

      Momentan im äußersten Osten Deutschlands Taupunkt um 0°C; im Westen des Landes knapp 15°C. Dies ist im Kölner Raum auch die Lufttemperatur – und die Natur freut sich über Regen, Regen, Regen.

      Viele Grüße,
      Heiko.

    • #13108
      Bibertaler
      Moderator

      Servus zusammen,

      danke Heiko für deine Mühe, verbunden mit einer exzellenten WB inklusve Phrasen und Infos. Schade nur, dass es bisher nur wenige Kommentare gab (ich fasse mich ja schon an der eigenen Nase). Ich möchte daher hiermit einen kleinen Nachtrag zum ersten “Winter”-Wochenende (Winter sieht für mich etwa so aus wie bei Nik in Wien, nur mit noch mehr Schnee 😉 ) in Innsbruck liefern, da ja am kommenden Wochenende unser Nikolaustreffen am Innsrbucker Goldenen Dachl stattfindet.
      Es gab ja ein paar Schwierigkeiten abgesehen von der (stark vereinfachten ) Routionediskussion Ost- oder Westwind. Gleich zu Beginn war es fraglich, ob aus der an den Bergen aufgesessenen Front noch etwas nach 6UTC unten ankommt. Die jeweiligen Lager der Trocken- und Nasstipper waren zwar eher auf der Nassen Seite und lagen daher richtig, aber das hatte für die Trockentipper die zweite Konsequenz bei der RR mit 0.0 bzw 0.1mm. Hierbei möchte ich erwähnen, dass am LOWI um 7 und8 UTC am Samstag lediglich Spuren verschlüsselt wurden, im Hauptsynop sechs Stunden später standen dann schon 0.1mm drin, naja, vielleicht hat es ja doch ausgereicht. Die Uni habe ich dann von -3.0 auf 0.0 korrigiert, da an der Uni ja leider nicht beobachtet wird und daher die Tendenz vom Flughafen als Entscheidungskriterium verwendet wird. Am Samstag selber war dann ein Mix aus Hochnebel/Wolken und Sonne und es wurde mit um 9Grad etwas wärmer, als von uns allen getippt wurde

      In der Nacht zu Sonntag wurde dann aus dem Hochnebel dank starkem Westwind (Einsetzender Südföhn im Wipttal zu Mitternacht) und auch mit mittelhohen Wolken nichts. Nach fast schon Apokalytischem Sonnenaufgang machten die Wolken auch recht schnell dicht und ließen der Sonne keine Chance mehr. Auch der Föhn aus dem Wipptal heraus hatte keine Lücken schaffen können, ehe dann ab Mittag über Innsbruck der Westwind einsetzte (heutiges Lidar siehe unten). Ebenfalls gut zu erkennen sind die Fallstreifen (höherer Backscatter im unteren Teil der Lidargrafik), die dann bereits vor 12UTC auch am Boden angekommen sind und beobachtet wurden, daher folgerichtig WV und Wn nass – was bis auf Ms.os keiner im Tipp hatte. Mittlerweile regnet es munter weiter sodass ich auf die Summe morgen früh gespannt bin. Und damit ist der Herbst abgeschlossen und die Partie geht von neuem im Winter weiter. So jetzt kommen noch ein paar Webcambilder. Bilder hab ich leider selber keine, aber wenn man schon so ne gute Webcam hat, muss man sie auch nutzen  😉

      Viele Grüße in die Runde
      Bibertaler


      Lidar Uni Innsbruck (Quelle Ertel2.uibk.ac.at, ACINN)

      …und hier noch die Webcambilder (Quelle: foto-webcam.eu) von der Seegrube nach Süden und von der Uni nach Osten von heute morgen 7 Uhr MEZ

       

      Und hier ein trauriger Nachtrag zum heutige Schneezustand, Vergleich zu letztem Jahr am 1.12. , als man zu der Zeit schon vielerorts Wintersport betreiben konnte 🙁 , zumindest die Skigebiete versuchen etwas auf die Beine zu bringen, wenn schon nichts passendes von oben kommt.

       

       

    • #13110
      Heiko
      Moderator

      Hallo Bibertaler,

      vielen Dank für Deine Rückmeldung und Ergänzungen und auch sehr schöne Bilder! 🙂

      Frühlingshaft milde Grüße aus Berlin,
      Heiko.

    • #13111
      Nikosik
      Moderator

      Danke an Heiko für die schöne und ausführliche WB und an Bibertaler für die bunten Ergänzungen!

      Viele Grüße
      Niko(sik)

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