Erste Wetterbesprechung im meteorologischen Frühling 2022

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    • #17409
      Heiko
      Moderator

      Hallo liebe Freunde des Wetters,

      heute darf ich Euch zur ersten Wetterbesprechung im meteorologischen Frühling 2022 begrüßen.

      Wie immer richte ich meinen Blick aus Berlin auf das Wettergeschehen, und fange mit einem…

      Rückblick

      …an.

      Die folgenden Informationen sind den Grafiken von Bernd Hussing (http://www.bernd-hussing.de/Archivdateien/ArchivNEU.htm) entnommen und beziehen sich auf das langjährige Mittel von 1991 bis 2020.

      Der Februar 2022 war deutschlandweit mehr oder weniger deutlich milder als normal. Auf der Zugspitze lag das Temperaturmittel 1,0 K über dem Vergleichswert. In Saarbrücken betrug die Abweichung nach oben 2,5 K. In Freiburg und Leipzig wurde mit jeweils 3,4 K die größte positive Abweichung ermittelt. Was die Niederschlagssumme angeht, war es vielerorts zu nass. “Zu” ist relativ, denn nach wie vor herrscht laut UFZ-Dürremonitor (https://www.ufz.de/index.php?de=37937) gebietsweise eine außergewöhnliche Dürre im Gesamtboden bis ca. 1,8 m Tiefe. Und am Beispiel von Brandenburg (https://mluk.brandenburg.de/mluk/de/landwirtschaft/forst/waldschutz/waldbrandgefahr-in-brandenburg/waldbrandgefahrenstufen/) sei verdeutlicht, dass auch das Thema Waldbrandgefahr schon wieder Beachtung verdient. Straubing in Bayern war mit 49% des Niederschlagssolls ebenso ein Ausreißer wie Konstanz am Bodensee mit 73% des langjährigen Mittels. In Schleswig kam mit sage und schreibe 326% mehr als das Dreifache zusammen, was im Durchschnitt in einem Februar zu erwarten gewesen wäre. Von den berücksichtigten Wetterstationen zeigten einzig Potsdam (88%) und das ostwestfälische Bad Lippspringe (97%) weniger Sonnenschein als der klimatologische Vergleichswert. Im Nordwesten Deutschlands war Bremen mit 123% besonders von der Sonne verwöhnt, und in der Südhälfte Deutschlands hatte Konstanz mit 138% die Nase vorn.

      Blicken wir auf den zumindest meteorologisch zu Ende gegangenen Winter 2021/2022, der hier in Berlin nur an manchen Tagen und in einigen Nächten als solcher wirklich wahrnehmbar war (wenn man die Dunkelheit, Weihnachten und den Jahreswechsel außer Acht lässt). Nun sind die Osterhasen schon seit einer Weile in den Regalen und wir blicken auf einige Zahlen. Diese zeigen beim Temperaturmittel, dass der Eindruck eines milden Winters nicht täuscht: Die geringste Abweichung nach oben von 0,8 K auf der Zugspitze und bis zu 2,2 K positive Abweichung in Straubing (in der Nordhälfte Deutschlands finden sich ein paar Orte mit 2,0 K oder etwas mehr) rahmen die Bilanz ein. Im Süden wurden auf der Zugspitze 133% des Niederschlagssolls verzeichnet, während es in Freiburg und Straubing jeweils nur 82% waren. Ein uneinheitliches Bild, wenn auch meist mit mehr Niederschlag im Vergleich zum langjährigen Mittel, präsentiert sich in der Nordhälfte Deutschlands, wo zwischen 96% in Düsseldorf und 148% in Schleswig berechnet wurden. Zu guter Letzt noch ein Blick auf den Sonnenschein. Hier war die Bilanz etwa vom Rheinland und vom Münsterland bis zur Oder und zur Neiße und bis nach (Nord-) Ostbayern unterdurchschnittlich; so kam Bad Lippspringe auf 68% des klimatologischen Vergleichswertes. Dagegen verzeichnete Schleswig mit 112% einen Überschuss. Der Wert von Konstanz im gesamten Winter (136%) deckt sich nahezu mit dem o.g. Wert des Februars.

      Für konkrete Wetterlagen und Daten verweise ich auf unsere einzelnen Wetterbesprechungen, wo ja oft auch Beiträge über die deutschen Grenzen hinaus das Bild ergänzen.

      Es folgt ein kleiner…

      Überblick

      …auf das aktuelle Wetter.

      Das Satellitenbild (sat24.com) von heute Mittag zeigt im Europaausschnitt von West nach Ost folgendes Bild: Über dem Atlantik westlich der Britischen Inseln ist ein Wirbel zu erkennen, dessen erste Wolken fast an der irischen Westküste liegen. Nordnordwestlich der Britischen Inseln, über der Biskaya und westlich der Straße von Gibraltar zeigt sich höhenkalte Luft mit den entsprechenden Wolkenstrukturen. Vor der norwegischen Küste beginnt ein Wolkenband, das sich über England und Frankreich bis zur Iberischen Halbinsel erstreckt. Außer im Westen derselben ist auch eine große wolkenfreie oder -arme Zone von Skandinavien und Finnland über das nordwestliche Baltikum und den Westen Deutschlands, die westlich angrenzenden Gebiete und weite Teile der Alpen bis zum nördlichen Balkan sichtbar. Der Schnee im skandinavischen Gebirge und der in den Alpen lässt sich so auch gut erkennen. Über dem Mittelmeer inklusive des Schwarzen Meeres ist es – ganz grob gesagt – “wechselnd bewölkt” mit Strukturen, die oft auf einen eher konvektiven Charakter der Wolken schließen lassen. Über dem östlichen Deutschland und so auch über Berlin ist es ebenso stark bewölkt oder bedeckt wie über großen Gebieten Ost- und Nordosteuropas.

      Bevor wir in die Wetterkarten einsteigen, ein Blick vom Wetterturm mit der Webcam (https://wind.met.fu-berlin.de/wind/main.php?lId=500#) nach Nordosten in Richtung der Innenstadt. Hauptsächlich haben wir es mit Stratocumulus zu tun; vorhin habe ich in der Nähe der 10381 zumindest ein paar Wolkenlücken gesehen.

      Nun also die Bodenkarte aus der Nacht zu heute, zu finden wie die Vorhersagekarten des DWD und der BWK hier: https://wind.met.fu-berlin.de/wind/main.php?lId=400. Es sind ausschließlich Antizyklonen benannt, nämlich – diesmal von Ost nach West – das Hoch KAI über Russland (über 1015 hPa), das Hoch LINO über Süd(west)skandinavien (mehr als 1030 hPa; an dessen Rand herrscht über Deutschland Isobarensumpf) und das (eigentlich Azoren-) Hoch MARTIN mit ebenfalls über 1030 hPa Kerndruck. Das weiter oben geschilderte Wolkenband findet sich in Form einer Okklusion, die sich vom Rand des Europäischen Nordmeeres nordöstlich von Island über Großbritannien und Frankreich bis nach Südostspanien zieht und in eine Kaltfront über Marokko übergeht, wobei in die Okklusion mehrere Tiefs eingelagert sind, von denen aber derzeit keines benannt ist.

      Natürlich soll auch ein Blick in die Höhe, ins 500-hPa-Niveau, nicht fehlen, und da widmen wir uns der Darstellung von GFS von heute, 12z (wie alle weiteren Karten zu finden hier: https://wetter3.de/animation_dt.html). Das richtig hohe (Was ist richtig? Sagen wir: Das höchste.) Geopotential im Kartenausschnitt befindet sich über dem Nordatlantik südwestlich des Azoren(boden)hochs und über Nordafrika (einige Entfernung vom Mittelmeer landeinwärts). Relativ hoch ist das Geopotential aber auch in einer Art Omega, dessen Keil von Südwesteuropa bis nach Mittelskandinavien reicht und von Trögen über der Ukraine einerseits und dem Nordmeer sowie der Region um Island andererseits umrahmt wird. Dazu kommen ein Höhentief über Nordwestalgerien und ein Kurzwellentrog, der in Verbindung zu einem (siehe Bodenkarte) unbenannten Tief mit unter 995 hPa zwischen den Azoren und Grönland steht. Kältefreunde blicken in dieser Darstellung wohl aufs Lila über Ostkanada und der russischen Arktis.

      Kommen wir zum…

      Ausblick

      …und zur entsprechenden Bodenkarte. Für morgen Mittag wird das Hoch LINO über der Ostsee mit über 1025 hPa erwartet, das durch eine Okklusion vom Hoch MARTIN über Ir- und Schottland (Ihr wisst schon, Buchstaben sparen) mit mehr als 1030 hPa getrennt ist. Die Okklusion ähnelt einem Seepferdchen, dessen Kopf einem Tief (unter 995 hPa) über dem Nordmeer nördlich des Polarkreises entspricht, wobei der Körper sich über Skandinavien, die Nordsee und Ostengland bis nach Frankreich schlängelt; die Schwanzspitze befindet sich nordwestlich von Korsika (irgendwie muss ich gerade an “St. Helena” und “Verbannung” denken).

      In höheren Atmosphärenschichten (500 hPa) kippt der Keil mit seiner Achse etwa von Frankreich zur Ostsee nach Nordosten, und mit ihm stellt sich eine Strömung aus eben dieser Richtung vom Baltikum in den Osten und Süden Deutschlands ein.

      Bei der pseudopotentiellen Temperatur in 850 hPa ist die Okklusion über der Nordsee und bis nach Südskandinavien eher schwer zu erkennen, während sie sich weiter südlich, dem gedachten Seepferdchenkörper von Ostengland über Frankreich bis zum Mittelmeer schlängelnd, deutlicher bemerkbar macht. Mit einer nicht allzu kräftigen östlichen Strömung am Boden stellt sich mir die Frage, was Sonnenscheindauer bzw. Bedeckung für Berlin machen, und wie sich dazu weitere Parameter wie die Temperatur verhalten. In den letzten Tagen hat man ja deutlich gemerkt, dass wir noch im Winterhalbjahr sind und bei hohem Luftdruck (und östlicher Strömung) die Sache mit den Wolken und dem Hochnebel recht knifflig ist und es markante Unterschiede zwischen kaltem, bedecktem Wetter und eher milder Luft bei längerem Sonnenschein schon innerhalb eines Stadtgebietes wie dem von Berlin geben kann (vgl. letztes Wochenende mit 1/8 mittags in Dahlem, 78% Sonnenscheindauer und 6,8°C Höchsttemperatur gegenüber 7/8 mittags in Schönefeld, 13% Sonnenscheindauer und 2,6°C Höchsttemperatur am Sonntag, wo auch der Nebel einige Punkte gekostet hat).

      Die Bodenkarte für Sonntag Mittag zeigt das Hoch mit über 1030 hPa über dem Norden der Britischen Inseln und der nordwestlichen Nordsee. Somit werden Tiefs vom Atlantik blockiert, und über weiten Teilen Osteuropas ist ebenfalls hoher Luftdruck zu finden. Was die Gebiete zwischen Azoren und Grönland angeht: So viel kommt da auf zyklonaler Seite nicht nach. Westlich einer Tiefdruckzone reicht ein Keil mit seiner 1020-hPa-Isobare bis etwa 45° nördlicher Breite. Erwähnte ich schon den Isobarensumpf in Berlin (nicht nur dort)? Immerhin etwas Abwechslung bietet der wohl mehr aus Nord als (am Vortag) aus Ost wehende Wind. Für Berlin sehe ich damit bessere Chancen auf die eine oder andere Sonnenscheinstunde.

      In der mittleren Troposphäre soll inzwischen aus dem Trog weiter östlich ein Kaltlufttropfen entstanden sein, der besonders den Wiener, aber auch Innsbrucker Wetterfröschen ins Auge fallen dürfte. Der 24 Stunden vorher erwartete Keil soll verschwunden sein; stattdessen wird ein weiterer Keil von den Azoren über den Nordwesten der Britischen Inseln bis zum Nordmeer angeboten. Ihr seht schon, das Wetter ist eher unspannend, was signifikante Wettererscheinungen angeht; erwähnenswert finde ich noch, dass es weiterhin frostige Nächte gibt und dass die Temperatur tagsüber bei eher niedrigen einstelligen Höchstwerten nicht aus dem Knick kommt. Auch wenn sich in der nächsten Woche häufiger die Sonne zeigt, sehe ich dabei zunächst wenig Änderungspotential.

      Ich wünsche Euch allen viel Spaß beim Tippen und ein schönes Wochenende und sage vielen Dank fürs Lesen und für Eure Ergänzungen im Voraus!

      Viele Grüße,
      Heiko.

    • #17411
      Nikosik
      Moderator

      Vielen Dank für die ausführliche Wetterbesprechung, Heiko! Ich bin gespannt wie sich die Wolken am Wochenende verhalten.

      Viele Grüße
      Niko

    • #17412
      Pfingstochse
      Participant

      Hallo Heiko,

       

      vielen Dank für diese tolle WB, auch mit Rückblick auf den Februar und den Gesamtwinter! Ich hasse diese ruhigen Wetterlagen wie aktuell, wo man nicht weiß, was man bei der Sonnenscheindauer und der Gesamtbedeckung prognostizieren soll…. Wir können ja nicht mit Worten wie “meist stark bewölkt bis bedeckt, vereinzelt ein paar Schneeflocken möglich, hier und da zeigt sich aber auch mal die Sonne, maximal 2 bis 6 °C” hantieren, sondern müssen Zahlen sprechen lassen. Man tippt dann irgendwie eher “auf gut Glück”….. Mal schauen, ob die Wolkendecke aufreißt, und das wohl eher am Sonntag als am Samstag?!?

      Veiel Grüße

      Ralf aus Teltow

    • #17413
      nik
      Participant

      Hi,

      habe Wv in Wien Schwechat auf 8 angepasst, wie es im METAR beobachtet wurde (LOWW 051120Z 01007KT 330V040 9999 -SHSN FEW032 SCT040 04/M03 Q1021 NOSIG) und im Synop die Niederschlagsspuren gemeldet wurden: https://www.ogimet.com/cgi-bin/gsynres?lang=en&ind=11036&decoded=yes&ndays=2&ano=2022&mes=03&day=05&hora=12

      LG,
      Nik

    • #17417
      Heiko
      Moderator

      Hallo zusammen,

      tja, wenn man die Sonnenscheindauer, die für beide Tage für Berlin getippt wurde, z.B. von Petrus als Mittelwert, zusammennimmt, kommt man immerhin in die Nähe dessen, was tatsächlich am Sonnabend gemessen wurde – für den Sonntag blieb dann aber nichts mehr übrig. Gut, dass es gestern nicht an beiden Stationen Flocken gab bzw. gegrieselt hat.

      Viele Grüße,
      Heiko.

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