Fasnets-WB 2020 für den 21 bis 23. Feber 2020

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    • #14705
      Bibertaler
      Moderator

      Servus zusammen,

      und herzlich Willkommen in der fünften Jahreszeit am heutigen rußigen Freitag. Ich erinnere mich noch, das war dieser Tag, an dem man schon im Bus genau aufpassen musste. Auf einmal roch es komisch nach Rauch und schon hatte man einen angerußten Korken im Gesicht. Und wer glaubte, dass es damit erledigt gewesen wäre, der wurde dann in der Schule eines Besseren belehrt. Da ging es dann entsprechend weiter. Und schließlich gab es ja noch eine Busfahrt zurück nach Hause – was man halt so macht an Fasching. Nun mag es an einigen Orten deutlich mehr Faschingsnarren oder Karnevalesen geben, aber die fünfte Jahreszeit war auch bei mir zuhause schon immer etwas Besonderes im Jahresablauf. Aber dieses Jahr, irgendwie passt es nicht…die fünfte Jahreszeit… Wer kennt sie nicht? Vivaldis „Fünf Jahreszeiten“ – Frühlings, Sommer, Spätsommer, Herbst, Fasching… Das ist die neu überarbeitete Fassung des Original-Arrangements. So schön der Winter normalerweise wettertechnisch und musikalisch auch ist, so bleibt heuer die Frage: Ist das Kunst oder kann das weg? Beim Blick auf die Statistiken des bisherigen Winters und auch auf die Mittelfrist- und Langfristprognosen kann der Winter, wie zumindest ich ihn mir vorstelle mit Dauerfrost und einiges an Schnee, wohl eher weg. So, ich weiß nicht wie es euch geht, aber damit ist die Karnevalsstimmung erstmal dahin und wir können uns einen Moment um das Wetter der heurigen fünften Jahreszeit widmen. Und damit herzlich Willkommen zur dieswöchentlichen Fasnets-WB.
      Großwetterlage aktuell.

      Bodendruck-Vorhersage für Samstag12 UTC (Quelle: wetterpate.de, FUBerlin, DWD)

       

      Großwetterlage
      Wiltrud wird ihrem Namen gerecht und hat sich entschlossen uns zügig zu verlassen. Die Kaltfront, die in der vergangenen Nacht bis zum Morgen in den Alpen leichten Regen brachte liegt mittlerweile über einem Streifen von Finnland bis zum Balkan und löst sich zumindest im nördlichen Teil zunehmend auf. Im Süden füttert sie das dortige Mittelmeertief nochmal. Mit einer leicht positiven PVU-Anomalie und einem vorgelagertem bodennahem Gradienten wäre eine bessere Entwicklung möglich, so bleibt es bei einem kurzen – sagen wir mal – Snack. Aber das Ganze ist für uns mehr oder weniger irrelevant geworden. Unsere Wetterakteure heißen Xanthippe und Günter ohne h. Möchte nicht wissen, wie oft das h fälschlicherweise dazugeschrieben wurde. Während das Hoch Günter, im Grunde das Azorenhoch von den Azoren bis zum Baltikum reichend, hauptsächlich Südeuropa überwiegend freundliches Wetter präsentiert, geht es mit Xanthippe in Nordeuropa rund. Quasi in Form eines Fidgetspinner liegen die drei Tiefdruckzentren über Skandinavien und dem Nordpolarmeer verteilt. Ihre Ausläufer, hauptsächlich die von Xanthippe-III mit ihrem Kern im Samstagsverlauf von Südnorwegen über Mittelschweden nach Lappland ziehend, reichen über Mitteleuropa bis weit in den Atlantik. Eingelagert in einer kräftigen Westströmung verwellt sich die Front, sodass unser Wetter einerseits durch den für uns typischen Westdrift mit zeitweise südlichen Komponenten, andererseits auch durch den raschen Wechsel von Tiefdruckgebieten und deren Fronten geprägt ist. Anhand der Isobaren sieht man jedoch schnell, dass dies mit teils stürmischem Wind einhergehen muss. Wo und wann genau, das schauen wir uns jetzt an.

      GFS-Geopotential mit Isotachen für Freitag bis MOntag 18UTC (Quelle: ertel2.uibk.ac.at, ACINN)

       

      Der Wetterverlauf fürs Wochenende
      In der Nacht auf Samstag erreicht uns als erstes Xanthippes Warmfront. Dabei kommt bis etwa 600 hPa deutlich wärmere Luft voran, als man das in einem Februar gerne hätte. Am Beispiel Zürich seht ihr, wie mächtig diese WLA vonstattengeht. Auf 800 hPa wird es in nur wenigen Stunden um die 15 Grad wärmer, sodass bis in mittelhohe Lagen Tauwetter möglich wird. Wirklich aktiv ist diese Warmfront nur in Norddeutschland und macht sich sonst durch kompakte Bewölkung bemerkbar. Die Kaltfront liegt derweil am Samstagmorgen noch über der Nordsee und Südengland, erste Niederschläge daraus und das dazugehörige Windfeld erreichen die erste für uns relevante Stadt Berlin gegen die Mittagszeit herum und auch Leipzig kann zum Mittag erste Tropfen abbekommen, zumindest nach ECMWF oder Cosmo-DE; GFS ist da noch etwas zurückhaltender und lässt für Leipzig sogar einen trockenen Nachmittag nicht ganz auszuschließen. Aber egal wie, großartige Mengen sind das jedoch nicht. Und auch der Wind ist nicht zu vernachlässigen, sind doch im Flachland wieder stürmische Böen bis Sturmböen möglich,  an der Küste auch noch stärker, aber da sei die Böen dort eh schon gewohnt sein sollte, ist das nicht weiter tragisch. Präfrontal sind dann bis in die Nacht hinein noch einzelne Schauer – auch hier mit entsprechenden Böen – möglich, die die Regensumme zumindest auf 3 bis 5 l bringt. Im Süden lässt Günter derweil zeitweise die Sonne scheinen. Zeitweise deshalb, weil in den Ostalpen noch ein paar Wolken der durchgezogenen Warmfront hängen geblieben sind. Aber spätestens zum Nachmittag gehen sich vielerorts einige Sonnenstunden aus. Die Höchstwerte liegen dabei meist zwischen 9 und 15 Grad, am Alpenrand sind auch 16 bis 18 Grad möglich; hier fördert leichtes, Föhn bedingtes Absinken die Anzahl an Sonnenstunden.

      Zürich ICON-Soundings als Beispiel für die WLA auf Samstag bis 600 hPa (Quelle: https://wetterturnier.de/wetterdaten/icon-radiosonde/)

      Equivalentpotentielle Temperatur auf 850 hPa mit Niederschlag (>1mm, grau schattiert) (Quelle: ertel2.uibk.ac.at, ACINN)

      Bis zum Eintreten der Nacht zum Sonntag kommt die Kaltfront weiter voran und liegt gegen 18 UTC auf einer Linie vom Hunsrück bis zum Fichtelgebirge. Nördlich davon sind noch einzelne Schauer aktiv, allerdings befindet sich entsprechende Höhenkaltluft viel zu weit nördlich und wird höchstens noch für Rügen interessant. Aber keine Sorge, von Antiwetter sind wir weit entfernt.
      Hoch Günter lässt sich von der Kaltfront nur bedingt beeindrucken und stoppt ihr Vorankommen. Die Alpen wird sie daher nicht erreichen und Zürich und Innsbruck trocken lassen; in Wien muss man schauen, inwieweit es sich vielleicht noch bis Sonntag 6 UTC ausgeht, da schwanken auch die MOSe mit nichts bis leicht messbar. Egal wie weit die Kaltfront nun vorankommt, eingebettet in den Jet, dessen Hauptwindfeld in der Nacht auf Sonntag von den Britischen Inseln über Norddeutschland bis Polen reicht, verwellt sie sich über dem Atlantik zunehmend und ist in der Equivalentpotentiellen Temperatur dort bereits am Vorabend als neues Tief mit warm- und Kaltfront zu erkennen. Ich vermute mal, dass wir es dann mit Yulia zu tun haben werden, möchte aber eigentlich den Kollegen in Berlin nicht vorgreifen, daher bitte auf deren Entscheidung warten. Bis zum Sonntagmorgen hat sie den Westen Deutschlands schon erreicht und macht dort auch keinen Halt, sondern zieht einmal durchs ganze Land. In der Höhe ist aber nur an einer leicht zyklonale Ausbeulung des Jets erkennbar. Umso mehr merkt man sie am Boden. Neben recht kräftigem Regen mit teils ergiebigen Mengen ist auch wieder eine ordentliche Sturmlage zu erwarten. Dabei wird am späten Vormittag zuerst das Rheingebiet bis zur Pfalz betroffen sein und die Mottowägen der Rosenmontagszüge auf Windfestigkeit testen. Vielleicht muss der ein oder andere Wagenbauer am Abend oder sogar in der Nacht nochmal etwas nachbessern, falls etwas weggebrochen sein sollte – wobei ich doch hoffe, dass die Wägen zu dem Zeitpunkt noch in einer schützenden Halle weilen dürfen.

       

      GFS Böenverlauf Sonntagnachmittag (Quelle: ertel2.uibk.ac.at, ACINN)

       

      Im Laufe des Sonntagnachmittages breitet sich das Sturmfeld mit dem dazugehörigen mäßigen Regen dann weiter nach Osten und Süden aus. Zur Cafézeit muss zwischen dem Rheinland, der Hansestadt Hamburg, der Lausitz, den Alpen und dem Schweizer Jura mit starken bis meist auch stürmischen Böen, auf freien Flächen sowie exponierten Stellen auch Sturmböen, in den Bergen schwere Sturmböen bis vereinzelt auch orkanartige Böen gerechnet werden. Wie man den GFS Böen entnehmen kann, ist dieses Mal der Küstenbereich etwas mehr verschon als bei den vergangenen Sturmlagen, aber auch hier sind starke bis stürmische Böen möglich – was die Friesen wohl als laues Lüftchen bezeichnen würden. Bis 18 UTC überschreitet die mittlerweile okkludierende Tiefwelle dann die Oder und der Wind lässt von Westen her deutlich nach und auch die Niederschläge klingen langsam ab. Im Süden bleibt es noch bis weit in die Nacht hinein turbulent bis zum Durchzug der Kaltfront, die aber wiederrum nur den östlichen Alpenraum wirklich erreicht. Abgesehen von einzelnen Tropfen ist in Zürich und Innsbruck bis dahin Niederschlag keine Rede wert. Der entscheidende Punkt wird die Lage der Front bis Montag 6 UTC sein. Im GFS liegt sie etwas auf einer Linie von Nürnberg über Wien und Budapest bis nach Siebenbürgen. Das ECMWF sieht sie weiter im Süden, ICON-EU legt die Niederschläge daraus direkt am Alpennordand an, vor allem im Bregenzer Wald und in der Arlbergregion sind da ab 1600m einiges an Neuschnee drin – darunter regnet es in die eh schon viel zu dünne Schneedecke hinein. Die westliche Verlängerung der Kaltfront bis nach Schottland wurde inzwischen wieder warmaktiv und gehört nun zum nächsten Tief (ich tippe mal auf Zehra), dass dann Montagnachmittag im Westen die Jecken quasi von alleine schunkeln lässt, besonders aber in Schottland und auf der Nordsee bis in den Dienstag hinein stürmische bis orkanartige Bedingungen stellt.

       

      GFS-Ensemble Geotoptenialmittel mit Standardabweichung (Farbverlauf) für den Wochenverlauf (Quelle: Ertel2.uibk.ac.at, ACINN)

      GEFS für Berlin (links) und stellvertretend für den Süden München (rechts) mit den Temperaturen auf 850 und 500 hPa und Niederschlag (Quelle: meteociel.fr)

      Ausblick
      Der Jet macht es den Karnevalesen nach und schunkelt sich über die Faschingszeit etwas ein. So ziehen Tröge nach Mitteleuropa mit darin liegenden Tiefs und halten uns mit Wind und Regen auf Trapp. Zum Ende des närrischen Treibens kommt dann auch ein Trog mit etwas kälterer Luftmasse daher, sodass auch in tieferen lagen unterhalb 850hPa wieder etwas Schnee möglich ist, was einige Mittelgebirge sicher freuen wird. Von Dauer scheint dieses Intermezzo nicht zu werden. Der Westwinddrift wird seinem Namen alle Ehre erweisen und uns Ende Februar auch mit weiteren Tiefdruckdurchgängen beglücken, kurze Wintereinbrüche sowie warme Frühlingshäuche inklusive. Mit dem dazu fallenden Regen wird sich Wasserlage zumindest für die Pflanzen zum Start in den meteorologischen Frühling in weiten Teilen Mitteleuropas verbessern, was mich für den kommenden Sommer hoffnungsvoll blicken lässt, aber soweit wollen wir hier nicht gehen. Kümmern wir uns erstmal um dieses Wochenende und lassen die Narren Narren sein und dann ab Aschermittwoch unsere gewohnten Narren wieder an die Arbeit, denn es gibt viel zu tun. In diesem Sinne wünsche ich euch schonmal ein schönes, hoffentlich nicht allzu stressiges Wochenende und kommt gut im Aschermittwoch an.

      Mit (persönlich eher weniger) närrischen Grüßen aus der Tiroler Sonne
      Bibertaler

       

      Zum Abschluss noch zwei Turnier-interne Bemerkungen, das erste ist, wenn ihr bei Kommentaren im Forum auf dem Laufenden bleiben wollt, dann könnt ihr einfach oben rechts auf Abonnieren klicken. Dann bekommt ihr bei neuen Kommentaren eine Infomail zu. Damit ihr wisst, was ich meine kommt unten noch ein Screenshot mit dem Knopf dazu. Und das zweite ist, für kommende Woche brauchen wir noch eine oder einen, die oder der die WB schreiben könnte. Wenn ihr Zeit und Lust habt und euch als WB-Schreiber versuchen wollt, dann tragt euch einfach in die Liste ein und dann könnt ihr bis Freitag loslegen. Hier noch der Link zu der Doodle-Liste: https://doodle.com/poll/khtvccvs2rwr5tc3

       

      • This topic was modified 2 years, 9 months ago by Bibertaler.
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    • #14709
      Mammatuscloud
      Moderator

      Moin Bibertaler,

      vielen Dank für die wunderbare und sehr lesenswerte WB!

      Beachtlich sind die Modellunterschiede zwischen ICON und GFS bezüglich der Zyklogense am Sonntag! Vorallem Leipzig und Wien sollten davon betroffen sein und somit am spannensten werden.

      Quelle: https://www.ifgeo.uni-bonn.de/abteilungen/meteorologie/modellkarten

    • #14711
      Georg
      Keymaster

      Hallo Alex,

      vielen Dank für die Weltklasse-WB, ein synoptischer Leckerbissen, Infotainment vom Feinsten und seeehr lesenswert!

      Ganz herzliche Grüße,
      Georg

    • #14712
      Mammatuscloud
      Moderator

      Wieder einmal ne wundbar geschriebene synoptische Übersicht von Jens Hoffmann:

      https://www.dwd.de/DE/fachnutzer/hobbymet/wetter_deutschland/_functions/PlainTeaser_synUebersichten/nas_bericht_syn_ueb_kurzfrist.html

      “nahezu faltenfrei gebügelten Frontalzone” 🙂

    • #14713
      Georg
      Keymaster
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