Reply To: UTA-VAIA-WB 26.10.2018

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#12914
Snab_LE
Moderator

Danke Georg für diese spannenden Ergänzungen zu einem noch viel spannenderen Thema. 🙂

Das Tief, dass im Mittelpunkt steht, erlebt in den kommenden 24h einen synoptisch wirklich beeindruckenden Aufstieg zur Sturmzyklone. Ohnehin ist ein Charakteristikum dieser außergewöhnlichen Tiefdruckentwicklung die recht weit westliche Lage des amplitudenstarken Troges, sodass die Vorderseite mit kräftiger und divergenter Südströmung genau vom Atlas über das warme Mittelmeer in den Alpenbogen zeigt. Somit wurde es unlängst gegen 18UTC als Leetief am Atlasgebirge geboren und führt seitdem auf seiner Südseite Polarluft wieder beschleunigt gen Osten. Gleichzeitig findet sich das Tief in verstärkungsgünstiger Lage: einerseits im linken Auszug eines sich intensivierenden Jetmaximums über dem nördlichen Afrika, andererseits im rechten Einzug des alten und zunehmend antizyklonal gekrümmten Jets über den Westalpen. Zeitgleich gewinnt die Randwelle mit höhenkalter Luft über dem Mittelmeer zunehmend an Amplitude, sodass die positive Vorticityadvektion auf der Vorderseite im Zuge des Nordkurses sogar noch zunehmen kann (zunächst aber durch stark negative Schichtdickenadvektion ein wenig kompensiert wird).
So fällt der Kerndruck bis binnen 12h bis morgen 06UTC um 12hPa auf 987hPa Kerndruck und liegt dann vor der Küste Genuas.

GWL Mo, 06z

Jet Mo, 06z

Vorticityadvektion Mo, 06z

Am westlichen Alpenbogen kommt dann im Tagesverlauf noch die Blockadewirkung des Gebirges in südöstlicher Höhenströmung zu Hilfe, während auch die quasigeostrophische Dynamik noch besser ausschaut. Die Folge ist (hier nach Super-HD 4x4km, 12z) eine weitere Intensivierung im Lee auf einen Kerndruck unter 980hPa und eine anschließende Verlagerung des Tiefs (ohne weitere Intensivierung, da es nun mehr ins Zentrum des Troges gerutscht ist) gen Norden. Da auf der Vorderseite afrikanische Tropikluft, die über dem Mittelmeer mit Feuchte angereichert wurde, gen Alpenbogen gedrückt wird, kommt das (teils konvektive) Vollwetter zustande, das Georg schon so ausführlich beschrieben hat.

SHD 4x4km, Luftdruckanimation

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/modellkarten/swisshd-eu/schweiz/luftdruck/20181030-0000z.html

Die Warmluft schafft es auch sehr weit nach Norden, gleitet im Süden und Osten Deutschlands aber zunächst auf die mächtige Kaltluftschicht im Lee der Alpen auf. Erst mit Föhndurchbruch wird die Warmluft im Tagesverlauf nördlich der Alpen und anderer strömungssenkrechter Mittelgebirge (u.a. Erzgebirge) in die kalte Grenzschicht eingemischt und sorgt hier für einen markanten Temperaturanstieg für spätsommerliche Wärme mit Temperaturen über 20°C.

Besonders spannend für Leipzig wird dieser Prozess am Montagabend. Die herannahende Warmfront führt hier im Laufe des Montags zu einem fortschreitenden Abbau der Kaltluftmächtigkeit, die sich aber dank Nordostwinden aus dem kühlen Skandinavien noch standhaft zeigt. Dadurch baut sich Richtung Montagabend eine stolze, mehr als 10K mächtige Inversion bis ins Niveau 850hPa auf, während sich leeseitig des Gebirges eine Tiefdruckrinne und folglich oberhalb der Inversion ein Low-Level-Jet mit Geschwindigkeiten von 50-70kn ausbildet. In dessen Konsequenz kommt es zunächst auf den Erzgebirgskämmen, später in den engen strömungsparallelen Tälern und generell Leeseitig des Kammes zu kräftigem Wind mit Böen bis Bft.10/11. Mit Verlagerung der Rinne gen Norden wird dann auch im sächsischen und brandenburgischen Tiefland die Höhenwarmluft ins Bodennivau gemischt, wobei die Temperatur in Leipzig nach 5°C am Abend binnen 2h auf 16-18°C ansteigen soll (jedenfalls nach dem Super-HD 12z, Modellunsicherheiten zur Westausweitung des Leeeffekts bestehen noch)
Hierbei  Beeindruckende Prognose-TEMPS und Karten jedenfalls, das lässt das synoptische Herz höher schlagen. Leider hat in Leipzig diese Woche niemand das Vergnügen, den Montagabend in seiner Analyse-Wetterbesprechung am Insitut zu analysieren, aber im Nachbarforum der Wetterzentrale wird es sicher allerhand Meldungen dazu geben: http://www.wzforum.de/forum2/read.php?2,3584284

Quelle:  https://kachelmannwetter.com/de/modellkarten/sui-hd/2018102812/c7c346859aa7e82a4697140584e119c1/windmittel-850hpa/20181029-2300z.html

Quelle:  https://kachelmannwetter.com/de/modellkarten/sui-hd/2018102812/c7c346859aa7e82a4697140584e119c1/temperatur/20181029-2300z.html

Quelle:  https://kachelmannwetter.com/de/modellkarten/sui-hd/2018102812/c7c346859aa7e82a4697140584e119c1/temperaturgradient-1km/20181029-2300z.html

Quelle:  https://kachelmannwetter.com/de/modellkarten/sui-hd/2018102812/c7c346859aa7e82a4697140584e119c1/windboeen-24std/20181029-2300z.html

 

PS: Zur Beobachtung solcher Ereignisse und künftig auch der Turnierwochenenden möchte ich hier einmal die Datenveröffentlichungen unserer neuen AG zur Fernerkundung des arktischen Klimasystems erwähnen Momentan arbeitet nur ein Doppler-Windradar zur Profilierung des Grenzschichtwindprofils am LIM, später wird aber auch das Mikrowellenradiometer zur Profilierung der Temperatur/Feuchte/Flüssigwassergehälter in der unteren Troposphäre von seiner Expedition zurückkehren. Daten finden sich hier: https://home.uni-leipzig.de/remsensarctic/index.php?lang=de&content=ql

 

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